Tage der deutschsprachigen Literatur 2026 von Zuhause
Ein kühles Zimmer für mich allein
Zugegeben, nach Klagenfurt fahren war bei dieser Hitze nicht wirklich eine Option, Respekt an alle, die dort waren. Am Donnerstag habe ich die Lesungen abends nachgehört, am Freitag und Samstag die Lesungen und Jury-Diskussionen live per Videostream verfolgt. Zusätzlich habe ich mich auf Bluesky mit der #tddl Community ausgetauscht, was sehr viel Spaß gemacht hat. Seit ich als Teenager 1995 zum ersten Mal als Zuhörerin live dabei war, habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu dieser Veranstaltung. Einerseits war ich damals als Teenager unendlich hingerissen von den Texten, der Möglichkeit, Literatur live zu erleben, andererseits fand ich die Jury-Diskussionen und das Setting, dass die Autor:innen der Diskussion zuhören müssen und dabei im Rampenlicht stehen, schon damals eher verstörend.
Die Diskussion um die Autorin, die der Jury nicht lauschen will
Daher fand ich es heuer besonders interessant, weil eine Autorin, Slata Roschal, ankündigte, mit diesem Ritual zu brechen und die Jury-Diskussion nicht live mit im Studio, für alle sichtbar, zu verfolgen. Da in den Statuten nirgends eine Regel aufzutreiben war, die das verbietet, wurde es ihr zugestanden. Ein Gutteil der Jury nahm es zur Kenntnis, aber es war auch deutlicher Unmut zu spüren. Auch im Interview wurde der Autorin vorgehalten, ob sie nicht doch ein bisschen Spaß an der Veranstaltung habe. Der Versuch, auf die prekären Verhältnisse aufmerksam zu machen, in denen viele Autor:innen arbeiten, kam wohl nicht so richtig an. Ich bin dann mal neugierig, ob nächstes Jahr die Statuten geändert werden dahin gehend, dass alle Autor:innen brav sitzen bleiben müssen.
Autor:innen, Themen und Perspektiven
Die meisten Texte erzählten in der ersten Person, viele der Themen waren autofiktional. Eltern/Kind-Beziehungen, Körper-Probleme, ein Wettbewerbs-Metatext. Die ungewöhnlichsten Themen waren dann doch Jovana Reisingers Text über eine Erbin, die beim Selbstmordversuch weich landet und – jetzt fällt’s mir auf, noch ein Sprungthema: Skispringen war thematisch auch dabei. Sonst noch: Ausbeutung im Kunstbetrieb – zweimal, und einmal dann doch auch noch das Thema Nummer eins, vorgetragen von einer Journalistin, die eine zuvor erschienene Recherche zu einem literarischen Text verarbeitete: Sex mit einem Callboy. In zwei Texten kam ein italienisches Rifugio vor, in einigen spielten Flecken eine Rolle – so sehr, dass sich auf Bluesky schon gejubelt wurde, wenn der nächste Fleck auftauchte. Respekt an alle Autor:innen, die dieses Jahr dabei waren – es muss so aufregend sein. Fiona Sironic, Kurt Prödel, Jovana Reisinger, Kinga Tóth, Slata Roschal, Lena Schätte, Ozan Zakariya Keskinkilic, Seraina Kobler, Magdalena Schrefel, Caroline Rosales, Deriya Uzun, Christoph Szalay, Wolfgang Popp, Gesche Heumann – sie sind für mich alle Held:innen, allein schon, weil sie dabei waren.
Die Jury
Klaus Kastberger ritt als Jury-Vorsitzender gewohnt ab und zu aus, um über österreichische Literatur und das Österreichische in der Literatur generell zu referieren, aber nicht nur – auch sein winterlicher Austausch mit anderen Jurymitgliedern zum Thema Wintersport wurde angesprochen. Nächstes Jahr gibt er den Juryvorsitz ab, man darf neugierig sein, wer nachfolgt. Aus dem Publikum wünschen wohl sich viele, dass Brigitte Schwens-Harrant den Vorsitz als nächstes übernimmt, denn sie wurde auch heuer zu beliebtesten Jurorin gekührt. Mara Delius stellte klar, dass Kühle im Text für sie ein absolutes Kompliment sei, während de Weck auch manchmal traurig über ein zu frühes Textende ist und überzeugt war, der Autor Popp würde – wie im Text angekündigt – einen anderen als den eingereichten Text aus dem Hut zaubern. Hätte ich btw auch witzig gefunden, so eher weniger. Mithu Sanyal fiel wie gewohnt nicht nur durch ihr ausdruckstarkes Gestikulieren auf, sondern hatte vor sich am Tisch auch ein Objekt stehen, dass als Bachmannmuschel für einiges Aufsehen auf Social Media sorgte. Thomas Strässle freute sich über eine Knacknuss, während Philip Tingler eine Konfettiparade der Konventionalität und das Neuköllner Biedermeier als Begriffe einbrachte. Allgemein gab es aber für mein Gefühl weniger Seitenhiebe der Jury untereinander als in den Jahren zuvor und mehr konstruktive Konzentration auf die Texte.
Die Gewinner:innen
Preise gingen an die Autor:innen Magdalena Schrefel, Ozan Zakariya Keskinkilic, Kinga Toth. Lena Schätte bekam gleich zwei Preise, den Bachmannpreis und den Publikumspreis, für ihren Text „Was wir tragen“. Wunderbar glückliche Gesichter, absolut schön und verdient. Zugegeben hätte es aber auch wirklich wenige Texte gegeben, wo ich nicht gedacht hätte, okay, die hätten auch einen Preis haben sollen.
Kleiner Exkurs in die Geschichte
Bereits 1980 stellte Jürgen Lodemann unter anderem die Forderung, die Preisgelder als Honorare an alle Autor:innen aufzuteilen. Sten Nadolny verteilte seinen Geldpreis unter den Mitbewerbern. Ab 1981 gab es die Möglichkeit für die Autor:innen, grundsätzlich auch auf die Ausführungen der Jury zu antworten. Auch 2022 gab es eine Abstimmung unter den Teilnehmer:innen, ob die Preisgelder unter allen zu verteilen seien – es gab unter den Autor:innen jedoch keine Mehrheit dafür.
Rahmenbedingungen
Ich finde es immer wichtig, über Rahmenbedingungen von Großevents wie diesem nachzudenken, auch über die scheinbaren Kleinigkeiten. Ich fände es schön, wenn zB auch die Autor:innen und Autoren einen Platz im klimatisierten Studio finden würden und nicht schwitzend im Garten auf die Preisverleihung warten müssten. Wenn den Gewinnerinnen ein Taschentuch oder ein Glas Wasser angeboten würde, und wenn auch die Nicht-Gewinner:innen nochmal auf die Bühne geholt werden würden. Denn auch sie hatten Anteil an dem Erfolg des Ereignisses.