Rezension: Tijan Sila, Radio Sarajevo, Hanser Berlin, 2023, ISBN 978-3-446-27726-7
Jugend im Krieg
Der erste Bombe schlägt in der Nachbarschaft des jungen Ich-Erzählers ein, und von da an ändert sich alles. Die Alltagsbeschreibungen des Krieges sind so nüchtern wie eindringlich. Denn das Grauen, so viel ist klar, wird für Kinder wie den Ich-Erzähler ganz normaler Alltag. Die Schule wird ausgesetzt, und als sie an verborgenen Orten, die nicht ins Ziel der Scharfschützen geraten können, wieder aufgenommen wird, verwandelt sich die Erleichterung schnell in Ernüchterung. Denn Gewalt ist überall. Im Unterricht, in den Familien, in den Beziehungen der Jugendlichen untereinander. Der Erzähler schwänzt gemeinsam mit seinen Freunden die Schuler, verkauft Pornographie an die ausländischen Soldaten. Das wertvollste Geschenk: Neue Batterien für das kleine rote Radio, dass die Freunde immer mit sich herumtragen.
Perspektivenlosigkeit
Der nächste große Bruch kommt mit der Pubertät. Während seine Freund ins Klebstoffschnüffeln abrutschen, fasst die Familie des Erzählers einen Plan. Die Eltern, die beide an der Uni unterrichten, beschließen, das Land zu verlassen. Der geplante Abschied von den Freunden scheitert kläglich, einer wird angeschossen, die anderen spielen im Drogenrausch mit einer Pistole - eine der entsetzlichsten Szenen des Buches überhaupt. Schließlich findet sich der Ich-Erzähler in einem deutschen Gymnasium wieder. Denn alles, was die Eltern dem Sohn noch mitgeben können, ist Bildung, auch wenn sie sonst in jeder Hinsicht Außenseiter bleiben.
Fazit
Nicht unweit der damaligen jugoslawischen Grenze, in ähnlichem Alter wie der Autor, berührt mich diese Geschichte besonders, weil sie zeigt, wie sehr der Krieg jede Solidarität und Freundschaft untergräbt. Und wie zufällig ein Aufwachsen in Sicherheit ist, wo man ohne die Lektion auskommen, wie man nicht von Scharfschützen erwischt wird.