Rezension: Judith Hermann, Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Rezension: Judith Hermann, Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Das Konzept scheint zunächst einfach - drei Orte werden von der Ich-Erzählerin bereist, um der eigenen Familienhistorie nachzugehen.

Radom

Am Anfang steht …

Rezension: Judith Hermann, Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Das Konzept scheint zunächst einfach - drei Orte werden von der Ich-Erzählerin bereist, um der eigenen Familienhistorie nachzugehen.

Radom

Am Anfang steht der polnische Ort Radom, wo ihr Großvater im zweiten Weltkrieg als Mitglied der SS stationiert war. Sie hat sich dort vorgenommen zu Schreiben, die Vergangenheit aufzuarbeiten, an der Familienerinnerung zu arbeiten. Doch das Schreiben will sich nicht einstellen, sie fühlt sich in ihrem Hotelzimmer isoliert und beängstigt. Sie besucht verschiedene Gedenkorte und ruft sich historische Tatsachen in Erinnerung. "Ich rief meine Mutter an, ich sagte übergangslos, ich kann nicht glauben, dass dir nichts einfällt. Ich will das nicht glauben" Sei besucht Gedenkorte, spürt der jüdischen Geschichte nach, und dann passiert ihr, was sie eigentlich verhindern will: "Und ab und zu vergaß ich meinen Großvater. In Radom. Ich war in Radom, und ich dachte einfach nicht an ihn. Weder verleugnete noch verdrängte ich ihn, ich ließ ihn einfach sein, ich vergaß ihn, wie ich ihn mein ganzes Leben lang vergessen hatte."

Neapel

Schließlich bricht sie auf nach Neapel, wo ihre Schwester mit ihrer Familie lebt, taucht ein in den dortigen Familienalltag. Hier kommt noch einmal eine andere Dimension des familiären Erinnerns ins Spiel. "Zwischen meiner Schwester und mir, meiner Schwester und der Familie, gibt es die Abmachung, vor den Kindern nicht über das Dunkle in der Welt zu sprechen."

Tidslome

Die Dritte Station ist Tidslomme. Sie erzählt eine Geschichte über die Eltern ihres Partners, die eines Tages, von einer unerklärlichen Amnesie befallen, auf einer geplanten Reise einfach verschwanden, nicht dort ankamen, wo sie ankündigt waren - und ebenso plötzlich wieder auftauchten. Am Ende des Buches steht die Amnesie ihrer eigenen Mutter wieder, und diene Kriegserinnerung aus deren Kindheit taucht auf.

Fazit

Diese Buch hat keinen Plot im eigentlich Sinn, es ist eine Meditation über die Erinnerung und das Vergessen, eine Reise durch räumliche und zeitliche Stationen der eigenen Familiengeschichte, und was davon die Generationen überdauert, was nicht.

# Judith Hermann, Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397764-6