Rezension: Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen
Oz und seine Freunde dürfen nach der Schule den Hasen Flöte streicheln. Allerdings nur, wenn sie nachher dafür sorgen, dass der Hasenstall auch wieder gut verschlossen ist. Doch Oz vergisst, den Riegel vorzuschieben, jemand fährt mit einem Rasenmähertraktor durch die Wiese und dann passiert etwas sehr Schlimmes. Und dann etwas noch Schlimmeres, worüber die Schuldirektorin Oz einen Brief für seine Mutter Ann mitgibt, die ohnehin schon in einem Streit mit Oz Vater gesagt hat, ihn durch die Schule zu bringen wäre „ein Lebensprojekt“. Sie selbst arbeitet zwar an der Uni, aber der Weg dorthin war nicht unbedingt ein geradliniger. Als Mutter ist sie mehr der Typ Pulverfass, und neuerdings macht sie auch ein Training, um ihre mangelnde Impulskontrolle etwas besser in den Griff zu bekommen.
Im Sommercamp für ADHS-Kinder ist Oz schon angemeldet, er muss einen Weg finden, seiner Mutter alles zu erklären, bevor sie den Brief der Direktorin gelesen hat. Für das Schreckliche, was er angestellt hat, hatte er - so ist er überzeugt, wirklich gute Gründe.
Doch zu Hause sind die Erwachsenen mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Die Oma Zäzilia ist aus dem Krankenhaus verschwunden, und als Ann sie endlich auf einer verlassenen Hütte aufstöbert, ist die demente Frau dort glücklich und auf keinen Fall irgendwohin zu bewegen. Noch dazu scheint sie jetzt mit dem schrulligen Nachbarn, den alle nur den Leipziger nennen, liiert zu sein. Ann sieht sich mit einer wilden Mischung aus Gefühlen konfrontiert: Neid auf das späte Glück ihrer Mutter, Beschützerinstinkt gegenüber ihrem Sohn, eine leichte Verachtung ihrer Schwester Nell, die ihrer Meinung nach sowieso nichts zu tun hat.
Ein Jahrhundertunwetter kündigt sich an, Ann muss eine Lösung finden, die Oma rechtzeitig vom Berg zu bringen, also beauftragt sie ihre Schwester Nell, die auf einem Bauernhof gerade eine Alternativ-WG aufbaut, Oz ins Feriencamp zu fahren. Spätestens ab dem Punkt ist klar - nicht nur Oz hat ADHS, die ganze restliche Familie ebenfalls.
Die alternative Hippie-Tante hält allerdings nichts vom Camp, sondern nimmt Oz mit zu sich, auf den Alternativbauernhof, wo die WG-Kolleginnen bei der Flutsicherung nicht so richtig in die Gänge kommen. Als alle schlafen, macht sich Oz allein auf den Weg und hofft, dass das Handy, das er seiner Tante gestohlen hat, irgendwann doch wieder Empfang haben wird.
Währenddessen beginnt es zu regnen, und bis Ann bemerkt, dass ihr Kind nicht sicher im Feriencamp angekommen ist, ist die Flut am steigen, die Straße gesperrt und die Situation völlig außer Kontrolle: Für Ann, für Oz, die Oma und auch für Nell. Es ist ausgesprochen dramatisch, aber so viel sei verraten: Es gibt ein Happy end. Und es besteht nicht darin, dass sich alle Protagonist:innen auf einmal brav und angepasst verhalten. Ein Plädoyer für die unverbrüchliche Liebe zu nicht ganz einfachen Menschen, eine sensible Darstellung von Menschen, die neurodivergent sind. Die Schrägheit und Glaubhaftigkeit der Charaktere ist absolut wunderbar gelungen, man möchte lachen und weinen zugleich.